Pertoldus de Breitenfurt
und die erste Erwähnung des Ortes  im Jahr 1158

 

In einer am 20. September 1158 ausgestellten Urkunde wird der Ortsname Breitenfurt zum ersten Mal schriftlich verwendet. Damit ist die Existenz des Ortes ab diesem Jahr zweifelsfrei nachgewiesen.

Die Originalurkunde ist nicht mehr erhalten, und auch das Gegenstück des Klosters St. Emmeram nicht mehr erhalten. Sie wurde aber im 14. Jahrhundert in ein so genanntes “Kopialbuch” abgeschrieben, und so blieb ihr Inhalt erhalten.

 

Abschrift der Urkunde

 

 

Monumenta Boica XLIX, N. F. III, S. 28 no 10, Staatsarchiv Nürnberg

 

Deutsche Übersetzung

Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit.

Hiermit wird sowohl den Nachfahren, als auch allen Anwesenden bezeugt: Der ehrwürdige Abt Adelbert des Klosters St. Emmeram tauscht mit dem hochwürdigsten Bischof Konrad der heiligen Kirche von Eichstätt 6 Jauchert Grund bei Schernfeld gegen drei Jauchert im Dorf Pfatter, damit durch den Bau eines Damms im Bach Pfatter der Mühle Wasser zugeleitet werden kann.

Diesen Tausch bestätigen die Dienstmannen und die familia der beiden Kirchen durch ihren Eid. Ihre Namen sind: Wikfrid de Eystet, Adalhoch de Emnendorf, Brvn de Bechtal, Reginmar de Superiore Eystet, Wernherus prepositus (prepositus = Probst), Albertus de Bleinvelt,

Pertoldus de Breitenfurt, Vlr. de Wemendingen, Hadamus de Mavrn, Vlr. Kargel, Wernherus de Herisingen, Rudiger causidicus, Ortwinus de Gerolfingen, Heirtwicus in Porta et frater Ulricus.

Diesen auf diese Weise von den vorher genannten Vorstehern der beiden Kirchen gesetzmäßig angeordneten Tausch haben Graf Gebhard von Chreglingen, der Vogt des Eichstätter Bistums, und der Regensburger Burggraf Heinrich, der Vogt des Klosters St. Emmeram, nach gründlicher Erforschung der vereinbarten Fakten rechtmäßig vollzogen. Zeugen dieses Vorgangs sind die vorher genannten Ministerialen der Kirche, außerdem Wernheerus de Giwesdorf, Segehart de Eberspivnt, Chuno de Dietfurth, Egelscalcus de Tollenstein, Albrecht des Müssen, Ulricus des Owenshouen, Ekebreht de Gebenchouen, Hainiardus et Sigfridus des Eitkoltingen, Ymmo et Frater eius Merbeto, Herman de Engelchint et Wirnt fratres, Willolf et ferater eius Rapote, Rudeol et Waltherus fratres, Walchvm er alii quam fratres.

Dies wurde und im Namen Gottes glücklich vollzogen am Sonntag der Geburt (Mariens) dem 20. September 1158 unter der Regierung des römischen Kaisers Friedrich (II) und Hartwigs II., des Vorstehers des bischöflichen Stuhls der Kirche Regensburg

 

Interpretation der Urkunde

Mit der Urkunde wurden zwischen zwei kirchlichen Grundbesitzern, nämlich dem Bistum Eichstätt und dem Benediktinerkloster St. Emmeram in Regensburg zwei Grundstücke „notariell“ getauscht.

 

Der Bischof Konrad von Eichstätt gab dabei 3 Jauchert ab, die im Ort Pfatter bei Regensburg lagen. Der Ort existiert heute noch heute unter diesem Namen und liegt zwischen Regenburg und Straubing. Konrad erhält dafür vom Abt Adelbert des Klosters St. Emmeram in Regensburg 6 Jauchert in Schernfeld.

1 Jauchert, auch Joch, ist damals in Bayern die Fläche von etwa 0,35 Hektar, also annähernd ein Tagwerk. Der Name "Joch" und sein genähertes Ausmaß kommen von der Fläche, die ein erfahrener Bauer oder Knecht mit einem Ochsengespann an einem Tag umpflügen konnte. Es handelt sich also um einen Tausch von 3 Tagwerk gegen 6 Tagwerk.

 

Pfatter (Google Earth)

 

Während die Böden auf der Jura-Hochfläche um Schernfeld steinig sind, liegt, Pfatter im Gäuboden, der „Kornkammer Bayerns. Die dortigen nach der Eiszeit angewehten oder von der Donau angeschwemmten, ebenen und steinlosen Lössböden sind sehr fruchtbar, waren leicht zu bewirtschaften, und Wasser gab es in Fülle durch die Donau (heute liegt Pfarrer an einem ehemaligen Donauarm) und die Flüsse und Bäche, die von Süden Wasser herbeiführen, so der Bach Pfatter. Auf Grund dieser Fruchtbarkeit ist das Wappensymbol von Pfatter die Zuckerrübe.

 

Wappen von Pfatter  (Zuckerrübe als Symbol der Fruchtbarkeit)

 

Das Wasser des etwa 30 km langen, östlich von Bad Abbach entspringenden Flusses wollte der Abt von St. Emmeram für eine Mühle nutzen. Dazu war der Bau eines Mühlenkanals notwendig, und dafür musste er erst den Grund erwerben. Für den Abt, der 6 Tagwerk in Schernfeld gegen die 3 Tagwerk des Eichstätter Bischofs abgab, war dies angesichts der Unterschiede in der Bodenqualität und der Möglichkeit, das Wasser des Flusses für eine Mühle zu nutzen, wohl kein schlechter Tausch,  

 

Pertoldus de Breitenfurt

 

 

Einer der Zeugen des Tauschs war Pertoldus de Breitenfurt. Was können wir über Pertoldus aus der Urkunde von 1158 schließen?

Aus der Urkunde ist zu entnehmen: Er war ministeriale, Dienstmann des Bischofs Konrad von Eichstätt und gehörte als solcher zu seiner familia.

 

Was war Pertoldus aber darüber hinaus?

Was heute der amtlich bestellte und vereidigte Notar ist, das waren früher vertrauenswürdige Zeugen, die von beiden Parteien benannt wurden. Meistens waren sie Dienstleute, ministeriales – vergleichbar etwa unseren heutigen Beamten. Oft wurden sie, wie in unserer Urkunde,  auch einfach als “de familia“ oder „de domo“, zur Familie oder zum Haus, zum Hof gehörend, bezeichnet.   Sie wurden von ihrem Grundherrn für verschiedenste Aufgaben eingesetzt. Auf den Höfen waren dies z. B. Aufsichtsarbeiten, Vermögensverwaltung, Organisation der Arbeit, Kriegsdienst. Dabei handelt es sich keineswegs immer um Adelige. Ministeriale waren oft auch Hörige aus der Schicht des Bauernstandes. Die besonders Tüchtigen darunter hatten oft mehrere oder gar alle Funktionen auf einmal inne, vor allem in der Landwirtschaft; so etwa die Leitung eines gesamten Hofes mit seinen Hofstellen.

Ihren Ursprung hat die Ministerialität in dem Bestreben der lokalen Machthaber, also des Königs, der Herzöge, Bischöfe oder Äbte, ihre Territorien intensiv zu „führen“, also herrschaftlich gut zu organisieren. Sie konnten ja auf den verstreuten Besitztümern nur selten selbst anwesend sein und sie schon gar nicht selbst verwalten und deshalb auf die ministeriales angewiesen. Allmählich waren diese durch solche Dienste, vor allem durch den Kriegsdienst, der sozialen Stellung ihrer Herren bald näher als ihrem bäuerlichen Ursprung: sie waren in ihrem Bereich ja die Vertreter ihres Herrn und wurden deshalb geachtet. Manchmal stiegen sie, vor allem durch Kriegsdienste, sogar in den niederen Adel auf, selten in den Hochadel.

Was bedeutet dies im konkreten Fall?

Pertoldus hatte auf jeden Fall eine gewisse Vertrauensstellung inne, hatte die nötige Ortskenntnis und wurde vielleicht auch deshalb als Zeuge beim Grundstückstausch zwischen dem Bischof von Eichstätt und dem Abt von St. Emmeram in Regensburg herangezogen. Aber viele andere Fragen bleiben offen: Wohnte er in Breitenfurt? Oder stammte er nur aus Breitenfurt?  

Hatte er eigenes Land? War er gar mit einem bischöflichen Meierhof mit mehreren Hofstellen in Breitenfurt und der Umgebung belehnt? Dann hätte er als „Meier“ nicht nur das Lehen zu bewirtschaften, sondern auch viele andere Organisationsaufgaben zu erledigen und  vielleicht, wie es in vielen Orten der Fall war, auch noch feste Rechte gegenüber der Dorfgemeinschaft inne. Gehörte zu seinem bischöflichen Bauernhof vielleicht auch der getauschte Grund bei Schernfeld?

Für die Möglichkeit, dass Pertoldus der Breitenfurter Meier war, spricht einiges. So der Umstand, dass Pertold  beim Grundstückstausch vor allem deshalb als Zeuge zugezogen wurde, weil er als Meier seinen Hof mit allen Feldern genau kannte. Dazu würde auch passen, dass, wie Gerald Neuber in seinen Forschungen nachgewiesen hat, in Breitenfurt damals tatsächlich ein Meierhof bestand, der 1447 „zertrümmert“ wurde und deshalb später einfach nicht mehr im Bewusstsein der Breitenfurter Bevölkerung verankert war, so dass wir heute nichts mehr davon wissen.

Als weitere Möglichkeit ist denkbar, dass Pertoldus sogar dem niederen Adel angehörte und auf einer Burg saß.  Aber auf das Vorhandensein einer früheren Burg deutet in Breitenfurt (mindestens bisher) nichts hin.

Wer war Pertoldus? Wir können nur Vermutungen anstellen und sie werten, wissen aber keine Einzelheiten und werden sie auch kaum mehr feststellen können. Aber wie auch immer: Er war sicher ein Mensch mit für die damalige Zeit ganz besonderen Fähigkeiten.

 

Weitere Personen mit örtlichem Bezug

 

Gebhard von Chreglingen

 

 

Einer der beiden Beauftragten zur Beurkunden des Vertrags, also die, die ihn im Namen des Bischofs Konrad von Eichstätt bzw. des Abtes Adelbert von St. Emmeram endgültig abschlossen und unterzeichnet haben, ist Gebhard von „Chreglingen“, Vogt des Bischofs von Eichstätt.

“Vogt”  ist abgeleitet vom lateinischen (ad)vocatus, der Hinzu-/Herbeigerufene. Vögte waren (Hoch)adelige, meist Grafen, die in einem bestimmten Gebiet im Namen des Landesherrn regierten und richteten.

Im Immunitätsbereich z. B. eines Klosters oder Bistums war der Vogt eine Art Schutzherr, führte meist auch dessen Heer, war also für die Unversehrtheit des Territoriums verantwortlich und übte an Stelle des obersten Herrn (Bischofs, Abtes) die hohe Gerichtsbarkeit aus.

 

Chreglingen,  Grögling, ist heute ein Dorf bei Dietfurt an der unteren Altmühl.

Der Name Gebhard von Chreglingen ist wohl vom Kopisten falsch geschrieben, denn ein Gebhard ist um diese Zeit in der Stammreihe der Herrn von Chreglingen nicht feststellbar. Er muss wohl Gerhard geheißen haben. Ein solcher ist 1157 in einer Urkunde des Klosters Plankstetten und davor und danach auch in anderen Urkunden genannt. U. a. übergibt dieser Graf Gerhard I. (1127 bis 1170) von Grögling 1147 “in civitate sua Tolnstaine“ einen Besitz an das Kloster Weihenstephan. Diese Notiz ist zugleich der älteste Beleg für die Dollnsteiner Burg, vielleicht sogar eine befestigte Siedlung

Die Gröglinger Herren waren damals Besitzer von Dollnstein und zugleich Vögte des Eichstätter Bischofs. Sie benannten sich bald (auch) nach Dollnstein und ab etwa 1250 nach Hirschberg. Gerhard von Grögling ist also ein Vorfahren der späteren Grafen von Dollnstein bzw. Hirschberg.

 

Reginmar von Obereichstätt

 

 

 

Zu den Zeugen, welche die Richtigkeit des Tausches  bestätigten gehören auch  Reginmar de Superiori Eystet und, aus der zweiten Gruppe der Zeugen - Engelscalcus de Tollenstein.

Reginmar: „Superior Eystet“ ist das oberhalb Eichstätts gelegene Obereichstätt. 1137 bis 1261 sind dort Ortsadelige als Ministeriale nachweisbar. Reginmar gehörte diesem Geschlecht an. Es saß auf einer Wasserburg an der Südseite des Dorfes, das von einem  an der Altmühl abgeleiteteten Graben umgeben war. Heute ist dies der Obereichstätter Meierhof. Auch die Burgkapelle, die Lambertuskapelle mit wertvoller Ausstattung, ist bis heute erhalten.  

 

Engelschalk von Dollnstein

 

 

Engelscalcus de Tollenstein gehörte zu einem Geschlecht von Ministeralen, das vom damaligen Besitzer Dollnsteins, den Herren von Grögling, mit dem militärischen Schutz Dollnsteins beauftragt war. Mit “Engilschalch de Tolenstein” ist dieses 1136 zum ersten Mal urkundlich erwähnt und 1166 ist Engelschalk ausdrücklich als Ministeriale bezeugt. Das Ministerialengeschlecht besaß in Dollnstein eine eigene Burg, die im ältesten Dollnsteiner Salbuch aus der Zeit um 1450 als Burgstall erwähnt wird, also abgegangen ist. Sie ist nicht die heutige Burg; ihr genauer Standort konnte bisher nicht ermittelt werden. Vielleicht lag sie im „Malerwinkel” am Fuß des Stuppbergs beim “Brünnlein” (der Quelle gegenüber der Burg), wo in den 20-er Jahren bei einem Kellerumbau ein mittelalterlicher “steinerner Unterbau” entdeckt wurde. Dafür würde auch sprechen, dass dieser Platz direkt an der alten Römerstraße lag. Die Burg kann aber auch anderswo und auch außerhalb des Ortes gelegen haben.

 

Zusammenfassung:

Wenn wir die Bedeutung der Urkunde von 1158 für Breitenfurt zusammenfassen, ist die Bilanz zunächst ziemlich ernüchternd: Die Urkunde hat eigentlich mit Breitenfurt selbst nichts zu tun und macht keinerlei direkte Aussagen über den Ort. Die Tatsache, dass sich Pertoldus, Pertold, Berthold, einer der Beurkunder des Tauschvertrags von 1158, nach Breitenfurt benannte oder nach Breitenfurt benannt wurde, ist lediglich der Grund für den ersten urkundlichen Beleg des Ortsnamens.

Freilich wird andererseits mit Pertoldus auch der „erste Breitenfurter“ geschichtlich fassbar, und wenn nicht alles täuscht, war er sogar ein für die damalige Zeit außergewöhnlicher Breitenfurter.

 

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