Hirschgeweih und "Zuban"-Bild an der Wand

Ludwig Meyer ("Schmied-Wigg"), der Dollnsteiner Bahnhofswirt wurde fast 100 Jahre alt

Von Josef Ettle

 

„Jetzt wird’s Zeit, dass ich’s a wenig grüabiger krieg“. Das sagte der Bahnhofswirt von Dollnstein, Ludwig Meyer im Oktober 1980. Da war er 87 Jahre alt und sperrte seine traditionsreiche Wirtschaft zu.
 

 

Ich hab den Mann damals besucht, er hat mir geduldig Modell gestanden und extra fürs Bild fachmännisch eine Halbe eingeschenkt. Die haben wir zusammen getrunken. Der „Schmied-Wigg“ hatte eine beneidenswerte Gesundheit und geistige Frische.
 

 

An dem mit Brettern verschalten kleinen Haus gab es zwei Schilder mit der Aufschrift „Bahnhofswirtschaft“. Machte man die Türe auf, so konnte man die recht gemütliche Wirtsstube betreten. Gerade einmal drei Tische hatten Platz. An der Wand hing eine Uhr aus Großvaters Zeiten, ein Hirschgeweih, ein „Zuban“-Bild mit einem Schweinsbraten. Im Herrgottswinkel gab es den Gekreuzigten.
 

 

Platz hatte auch noch ein gusseiserner Ofen, der mit Briketts und Holz gefüttert wurde. Bei meinem Besuch wärmte sich der Wirt den Buckel am Ofen. 57 Jahre betreute er das kleine Lokal, das er bescheiden „Kiosk“ nannte. Er schenkte Getränke aller Art aus, hatte Bonbons – Bomberl haben wir als Kinder gesagt –, die sich in Gläsern mit Schraubverschluss befanden. Bei ihm gab es Schokolade und auf den Tischen standen kleine Körbchen mit Semmeln und Salzletten.

 

„Jeden Tag fahr i mit`m Radl zum Bahnhof“, erzählte Ludwig Meyer. Er wollte damals, im Oktober 1980, zumachen, „weil jetzt der Winter kommt, und da is es oft recht haj.“ Der Wirt hatte versucht einen Nachfolger zu finden, vergeblich. Und so kam schon ein paar Tage später ein Schieber und furt war wieder ein Stückl Altheimat.

 

Die Bahnhofswirtschaft Dollnstein war 1916 bei der Eröffnung der Lokalbahn von Dollnstein nach Rennertshofen eingeweiht worden. Wirte waren die Schwiegereltern von Ludwig Meyer.

 

Damals war es noch gemütlich: Manchmal mussten die Leute bis zu zwei Stunden auf den Anschlusszug waren und kehrten halt „in Gottsnama“ in der Bahnhofsrestauration ein. „An manchen Tagen hat ein 30-Liter-Banzl net glangt“, erzählte mir der Wirt. Zu ihm sind auch junge Leute gekommen, und es ist schon passiert, dass die kleine Stube ausgeräumt und darin getanzt wurde.

 

Die Bahnhofsdirektion in München war mit dem Wirt immer zufrieden. „Machen ´S nur weiter“, hieß es nach jeder Besichtigung. So erzählte Ludwig Meyer und so hat er den Betrieb aufrechterhalten.

 

Aber 1980 ist der Zeitpunkt gekommen, an dem er sagte: „Jetzt mog i nimma“. Er meinte schon auch, dass außer mit Stammkunden nicht mehr allzu viel Geschäft zu machen ist. Also schlug dem Lokal das letzte Stündlein. Nicht aber dem Ludwig Meyer, der half seinem Sohn in dessen Gaststätte an der Bahnunterführung in der Wellheimer Straße.. Das Umgewöhnen fiel dem Wirt nicht schwer, hieß das Lokal früher doch „Zur Eisenbahn“.

 

Ludwig Meyer war gebürtiger Dollnsteiner und hatte das ehrbare Schmiedehandwerk erlernt. Er arbeitete in Eichstätt und Aichach und hat vielen Rössern zu einem neuen Hufeisen verholfen. Als er seine Frau heiratete, die aus dem Hotelfach kam, und in Augsburg gelernt hatte, hängte er den Schmiedhammer an den Nagel, ließ das Kohlenfeuer in der Esse ausgehen und den Amboss verklingen.

 

Lachen musste ich schon, wie Ludwig Meyer erzählte, dass ihn seine Frau als Wirt „abgerichtet hat“ und ihm den Rat gab: „Red nur mit de Leit“. Später aber hat sie öfter gesagt: „Red net so viel.“

 

Der Bahnhofsgastronom war schon vor dem Ersten Weltkrieg aktiver Soldat und stand Parade für König Ludwig den Dritten in Regensburg als Angehöriger des zweiten Chevauleger-Regiments, vierte Eskadron.

 

In Dollnstein war Ludwig Meyer daheim und er lobte die gesunde Luft. Wie er zu seinem respektablen Alter bei guter Gesundheit kam, hat mir der Ludwig Meyer söimois a verratn. Er trieb Sport, gartelte gern, hat nie einen Rausch gehabt und hat außer einmal einen Stumpen nicht geraucht. Weitere Geheimrezepte waren täglich Punkt 10 Uhr ein Glaserl Sekt für den Kreislauf und an jedem Tag ein Gaggerl. Das ging aber nur deshalb, weil die Cholesterinangst noch nicht in allen Kuchln hockte.

 

Bevor er die Tür der Bahnhofswirtschaft für immer verschloss, nahm er sich Zeit zum Nachdenken: „Schließlich muss man seine inneren Angelegenheiten auch in Ordnung bringen.“

 

Am 9. Dezember 1995 ist Ludwig Meyer gestorben. Am 15. Dezember 1893 hatte er seine Erdenlaufbahn angetreten und hat somit seinen 102. Geburtstag um eine knappe Woche verpasst.